Berber war keine Nackttänzerin

Alexander Binder :: Anita Berber as Salomé, 1920s. | src Der Spiegel :: Anita Berber – die Hohepriesterin des Lasters

“Wenn jeder einen Körper hätte wie ich, würden alle nackt herumlaufen”: Ihre eigene Hüllenlosigkeit vertrat Berber mit großem Selbstbewusstsein – das Foto zeigt sie als “Salomé”. Gleichzeitig verwahrte sich die Tänzerin dagegen, in eine bestimmte Schublade gesteckt zu werden: “Ich bin keine Nackttänzerin”, betonte Berber im Dezember 1922 im Interview mit einem Wiener Journalisten. Der sich vor allem darüber freute, dass sie das Gespräch im Bett sitzend, mit vorn geöffneter Bluse, absolvierte.

“If everyone had a body like me, everyone would walk around naked”: Berber represented her own shamelessness with great self-confidence – the photo shows her as “Salomé”. At the same time, the dancer protested against being pigeonholed: “I’m not a nude dancer,” Berber emphasized in an interview with a Viennese journalist in December 1922. Who was particularly pleased that she sat in bed during the conversation, with her blouse open at the front.

quoted from Der Spiegel: Anita Berber : die Hohepriesterin des Lasters

Atelier d’Ora ~ Benda :: Tänzerin Anita Berber, 1922, signiert: recto: in weißer Tusche: “d’Ora / BENDA / WIEN” | src MK&G ~ Museum für Kunst und Gewerbe

Nackttänzerin Anita Berber : Die Skandalnudel der Zwanzigerjahre

Sie kokste und soff, schlief mit Männern und Frauen und bewarf Störer mit Champagnerflaschen: Anita Berber war selbst für die wilden Zwanziger zu wild. Die Exzentrikerin starb schon mit 29 – ausgezehrt, verarmt, unverstanden.

Berber war schon zwei Jahre tot, als Schriftsteller Klaus Mann diese Szene 1930 im Magazin “Die Bühne” schilderte. Sie zeigt, wie fragil die Skandalnudel war, und auch ihren sozialen Rang gegen Ende ihres Lebens: den eines Freaks, den die Haute Volée zwar gern auf der Bühne begaffte, sonst aber tunlichst mied. “Man wies mit dem Finger nach ihr, sie war vogelfrei”, schrieb Mann. “Sogar für das Nachkriegsberlin war sie zu weit gegangen.”

“Nachkriegserotik, Kokain, Salomé, letzte Perversität, solche Begriffe bildeten den Strahlenkranz ihrer Glorie”, urteilte Mann. Dabei war Anita Berber ursprünglich nicht nackt ins Rampenlicht gesprungen, um die Radaupresse zu beglücken. Sie wollte, dass ihr Talent entdeckt wird.

Berber war beileibe nicht die erste Nackttänzerin. Den Skandal sieht Theaterwissenschaftlerin Ulrike Traub darin, dass sie Hüllenlosigkeit mit der “bewussten Exposition des Hässlichen” kombinierte und so von Erotik abkoppelte.

quoted from Spiegel : Nackttänzerin Anita Berber : Die Skandalnudel der Zwanzigerjahre

Nude dancer Anita Berber : The scandalous nude of the 1920s

She did coke and drank, slept with men and women and threw champagne bottles at troublemakers: Anita Berber was too wild even for the Roaring Twenties. The eccentric died at the age of 29 – emaciated, impoverished, misunderstood.

Berber had already been dead for two years when writer Klaus Mann described this scene in the magazine “Die Bühne” in 1930. It shows how fragile the scandalous nude was, and also her social rank towards the end of her life: that of a freak, whom the haute volée liked to ogle on stage, but otherwise avoided as much as possible. “The finger was pointed at her, she was an outlaw,” Mann wrote. “She had gone too far even for post-war Berlin.”

“Post-war eroticism, cocaine, Salomé, ultimate perversity, such terms formed the aureole of their glory,” said Mann. Anita Berber didn’t originally jump into the limelight naked to please the rowdy press. She wanted her talent to be discovered.

Berber was by no means the first nude dancer. Theater scholar Ulrike Traub sees the scandal in the fact that she combined nakedness with the “conscious exposure of ugliness” and thus separated it from eroticism.

Anita Berber by Anny Eberth

Anny Eberth, Berlin :: German dancer Anita Berber, 1920s (10.6.1899 – 10.11.1928). Half length portrait, studio photograph. | src Alamy Stock Photo

Valeska Gert posing comically

James Abbe :: German dancer Valeska Gert posing comically on top of a hamper, ca 1926. She shocked the audience at the Champs Elysees by following the dancing tradition of Isadora Duncan. (Photo by James Abbe for General Photographic Agency). | src and hi-res Getty Images

Sent M’Ahesa im Pfauentanz

Franz Löwy :: Sent M’Ahesa (Else von Carlberg), eigentlich Else von Carlberg, war eine der bekanntesten Ausdruckstänzerinnen der Weimarer Republik. Der Beitrag erschien in der Zeitschrift ‘Elegante Welt’ und ist nun zu sehen in der Ausstellung KleidunginBewegung. | src Historisches Museum Frankfurt

Anita Berber, ca. 1918

Zander & Labisch, Anita Berber, 1918, Die Dame
Zander & Labisch :: Actress and dancer Anita Berber dancing. Published in ‘Die Dame’ 06-1918. | src and hi-res Getty Images
Anita Berber,   (*10.06.1899-10.11.1928+)  , Dancer, actress, Germany, dancing, - published in 'Dame' 06/1918  (Photo by ullstein bild via Getty Images)
German dancer and actress Anita Berber dancing, published in Die Dame 06/1918 (Photographed probably by Zander and Labisch; uncredited on source) | src Getty Images

“Eine Tänzerin voll Frische und voll lebendigen Glücks an ihrem Dasein”: Enthusiastisch pries ein Journalist des “Börsen-Kurier” 1917 das Talent Anita Berbers. Auch der Berliner Autor und Kritiker Oscar Bie war beeindruckt: “Das Stärkste wird in reiner Akrobatik erreicht, in groteskem Zittern, Verschlingen, Schlagen, Werfen, Überschneiden”, schrieb er über Berber.

“A dancer full of freshness and full of lively happiness in her existence”: a journalist from the “Börsen-Kurier” enthusiastically praised Anita Berber’s talent in 1917. The Berlin author and critic Oscar Bie was also impressed: “The strongest is achieved in pure acrobatics, in grotesque trembling, devouring, hitting, throwing, overlapping,” he wrote of Berber.

quoted from Der Spiegel: Anita Berber – die Hohepriesterin des Lasters

becker und maass anita berber postcard
Becker & Maass (Berlin) :: Tänzerin und Schauspielerin Anita Berber (1899-1928). Postkarte. | src Welt.de

Movement studies: Vera Skoronel

Suse Byk :: Bewegungsstudie Vera Skoronel, 1927-1928. © Staaliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek | src Georg Kolbe Museum FB

“Vera Skoronel hatte ein System entworfen, um dem freien Tanz ein festes Gerüst zu geben: da kurbelten, kreisten, wirbelten wir die Gliedmaßen ungeachtet der normalen Körpergesetze wild durcheinander; bekämpften Schwerkraft und Gleichgewicht, warfen unzählige Sprünge in die Luft oder stießen sie in die Erde; zwangen Muskeln, sich in anderen Dimensionen zu bewegen. […] Erst wenn der Körper frei ist von jeglichen Hemmungen, zeigt sich der beseelte Ausdruck im Tanz.”
Mit diesen Worten beschrieb die Skoronel-Schülerin Ilse Meuthner den Eindruck, den ihre Lehrerin in den 1920er-Jahren auf sie machte.
Das atemberaubende Tanzgeschehen, das vor einhundert Jahren in Berlin stattfand, ist Thema unserer aktuellen Ausstellung ‚Der absolute Tanz. Tänzerinnen der Weimarer Republik.‘

“Vera Skoronel designed a system to give free dance a solid framework: we cranked, gyrated, whirled our limbs wildly, regardless of the normal laws of the body; we fought gravity and balance, threw countless jumps in the air or pushed them into the ground; forced muscles to move in other dimensions. […] Only when the body is free of any inhibitions does the soulful expression appear in the dance.”
With these words, the Skoronel student Ilse Meuthner described the impression her teacher made on her in the 1920s.
The breathtaking dance that took place in Berlin a hundred years ago is the subject of our current exhibition ‘Absolute Dance. Dancers of the Weimar Republic.’

[quoted from source]

Suse Byk :: Bewegungsstudie (movement study); Vera Skoronel, um 1928 © Lipperheidische Kostümbibliothek. | src Monopol magazine: Tänzerinnen der Weimarer Republik
Suse Byk :: Bewegungsstudie (movement study); Vera Skoronel, um 1927 © Lipperheidische Kostümbibliothek | src Georg Kolbe Museum on FB and Welt-Kultur

Mit expressiven Bewegungen, extravaganten Erscheinungsbildern und expliziten Vorstellungen von der eigenen Rolle in der Welt sprengten Tänzerinnen wie Vera Skoronel, Claire Bauroff, Tatjana Barbakoff und Anita Berber die Konventionen und Klischees ihrer Zeit. Es waren die Weimarer Jahre, ein Gefühl von Aufbruch lag in der Luft. Am 30. November 1918, also heute vor 102 Jahren, war das Frauenwahlrecht in Kraft getreten, bald darauf wurden erstmals weibliche Sportlerinnen zur Olympiade zugelassen. Während immer mehr Bürgerinnen von den Möglichkeiten Gebrauch machten, die vorangegangenen Generationen von Frauen verwehrt geblieben waren, wurden vor allem die Tänzerinnen dieser Ära zu Ikonen eines modernen Körper- und Selbstbewusstseins, das neben der Gesellschaft im Großen und Ganzen auch die bildende Kunst prägen sollte. Im Berlin der 1920er-Jahre belebte das neue Lebensgefühl auch die fruchtbare Verbindung von Tanz und Skulptur, welche auch Kolbe so wichtig war. Unsere neue Ausstellung „Der absolute Tanz – Tänzerinnen der Weimarer Republik“, die im Februar beginnt, spürt den radikalen Neuerungen und symbiotischen Wechselwirkungen nach, denen wir so vieles verdanken.

With expressive movements, extravagant appearances and explicit ideas of their own role in the world, dancers such as Vera Skoronel, Claire Bauroff, Tatjana Barbakoff and Anita Berber broke the conventions and clichés of their time. It was the Weimar years, and a sense of breakthrough was in the air. On November 30, 1918, 102 years ago today, women’s suffrage came into force, and soon afterwards female athletes were admitted to the Olympics for the first time. While more and more women made use of the opportunities that previous generations of women had been denied, the dancers of this era in particular became icons of a modern body and self-confidence that was to shape society as a whole as well as the fine arts. In Berlin in the 1920s, the new attitude towards life also enlivened the fruitful connection between dance and sculpture, which was also so important to Kolbe. Our new exhibition “Absolute Dance – Dancers of the Weimar Republic”, which begins in February, traces the radical innovations and symbiotic interactions to which we owe so much.

[quoted from source : Georg Kolbe museum]

Vera Skoronel by Suse Byk

Suse Byk :: Vera Skoronel, Postkarte, Privatbesitz. | src Georg Kolbe Museum, Berlin on FB
Suse Byk :: Vera Skoronel, Postkarte, Privatbesitz [cropped and enhanced by source]. | src Georg Kolbe Museum, Berlin on FB

Tänzerin Anita Berber, 1922

Atelier d’Ora ~ Benda :: Tänzerin Anita Berber, 1922, signiert: recto: in weißer Tusche: “d’Ora / BENDA / WIEN” | src MK&G ~ Museum für Kunst und Gewerbe